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ADHS bei Mädchen: Warum immer mehr Mädchen diagnostiziert werden

Symbolbild für ADHS bei Mädchen: ein Schmetterling steht für Entwicklung, Unsichtbarkeit von Symptomen und Veränderung

Das Bild vom ADHS Michel aus Lönneberga hält sich bis heute: Wer an ADHS denkt, der sieht einen wilden, chaotischen und vorlauten Jungen à la Michel aus Lönneberga vor sich. Um bei diesem Bild zu bleiben – sehr wegweisend hat Astrid Lindgren hierzu aber auch Pippi Langstrumpf kreiert. Doch sie scheint in unserer Gesellschaft nicht so wirklich aufzutauchen – oder doch?

1. Was ist ADHS?

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung) ist nach wie vor ein viel diskutiertes Thema. Im ICD-11 (Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) wird ADHS als eigenständige neuroentwicklungsbezogene Störung unter dieser Bezeichnung geführt. Dennoch wird das Vorhandensein der Störung noch heute von teilweise angezweifelt. Zuvor wurde sie im ICD-10 unter dem Begriff „hyperkinetische Störung“ klassifiziert. Bis heute ist nicht genau klar, wie ADHS entsteht. Aktuelle Forschung geht davon aus, dass eine Kombination aus genetischen Faktoren und weiteren Umwelteinflüssen eine Rolle spielt¹.

ADHS ist durch drei Kernsymptome gekennzeichnet:

  • Aufmerksamkeitsstörungen – Ablenkbarkeit
  • Impulsivität – unüberlegtes Handeln
  • Hyperaktivität – übersteigerter Bewegungsdrang

In Abgrenzung zu ADHS zeigen sich beim sogenannten ADS vor allem Aufmerksamkeitsstörungen. Heute wird ADS meist als „ADHS, vorwiegend unaufmerksamer Typ“ bezeichnet, bei dem Hyperaktivität weniger stark ausgeprägt ist.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Reizen über die Sinneskanäle bei betroffenen Personen kürzer ist als bei der sogenannten Norm, sprich neurotypischen Menschen.² Dabei kann ADHS kann auf verschiedene Weise auftreten und die drei Kernsymptome können dabei in unterschiedlichen Ausprägungen vorhanden sein. 

Kritiker:innen argumentieren, dass viele dieser Eigenschaften grundsätzlich jeder Mensch zeigen kann. Entscheidend ist hierbei jedoch der Grad der Ausprägung: Erst wenn ein signifikantes Maß erreicht wird und der Alltag dadurch belastet ist, spricht man von einer Störung. Zudem treten die Verhaltensauffälligkeiten in der Regel in den ersten fünf Lebensjahren auf und sind in mehreren Lebensbereichen zu beobachten. Es kann jedoch sein, dass sie in verschiedenen Bereichen unterschiedlich stark ausgeprägt sind.

Typischerweise treten die Symptome dann stärker auf, wenn von dem Kind eine längere Aufmerksamkeitsspanne erwartet wird. Es kann aber andererseits auch sein, dass die Symptome nicht oder in geringerem Maße auftreten, wenn sich das Kind seiner Lieblingsaktivität widmet oder es nur mit einer Person interagiert. Daher ist das Fehlen von Symptomen kein eindeutiger Hinweis darauf, dass keine Störung vorliegt.

Neben diesen Kernsymptomen gibt es noch weitere Symptome, die bei AD(H)S auftreten können.

Dazu gehören:

  • Emotionale Instabilität
  • Reizüberflutung (durch Wahrnehmungsstörung und erhöhte Sensibilität)
  • Schwierigkeiten mit der Zeitwahrnehmung
  • Exekutive Dysfunktion (dies meint eine Schwäche in den höheren kognitiven Funktionen wie Planung, Organisation, Impulskontrolle und Arbeitsgedächtnis)
  • Kommunikationsschwierigkeiten
  • People-Pleasing (aus Angst vor Kritik und Ablehnung)
  • Body-focused repetitive behaviour (zum Beispiel Nägelkauen oder zwanghaftes Knibbeln an der Hand)
  • Masking (das Kind versucht die Symptome zu verbergen)
  • Fidgeting (z. B. Trommeln mit den Fingern oder Wackeln mit dem Bein)³


2. ADHS bei Mädchen: Wie sich Symptome zeigen 

In jüngster Zeit werden immer mehr Mädchen mit ADHS oder ADS diagnostiziert. Selbst in meinem privaten Umfeld höre ich von immer häufiger von Mädchen, die im Teenageralter die Diagnose AD(H)S erhalten. Ist dies nur der selektiven Wahrnehmung verschuldet oder tatsächlich so?

ADHS zeigt sich bei Mädchen oftmals komplett anders als bei Jungs. Zum einen aufgrund gesellschaftlicher Gründe. Von Mädchen wird mehr als von Jungs erwartet, sich anzupassen und ‘lieb’ zu sein (zum Glück gibt es hier seit einigen Jahren einen Wechsel). Zum anderen sind Mädchen besser darin, die Symptome zu kompensieren.

Die Symptome bei Mädchen mit ADHS sind zudem eher ‘leise’, Mädchen mit ADHS sind dadurch weniger störend oder auffallend als Jungs und wurden deshalb einfach jahrelang übersehen. Tatsächlich erhalten in jüngster Zeit immer häufiger auch Mädchen oder Frauen eine ADHS-Diagnose, da ihr oft stillerer, ‘verträumter’ Symptomtyp (ADS) mittlerweile besser erkannt.⁴

ADHS bei Mädchen äußert sich häufig durch:

  • Unaufmerksamkeit oder verträumtheit (statt Hyperaktivität)
  • innere Unruhe statt äußere Hyperaktivität
  • Angst und depressive Störungen

Mädchen mit hohem IQ und ADHS:

  • sind gut in der Kompensation von Symptomen während der Grundschulzeit
  • Schulische und soziale Schwierigkeiten zeigen sich erst in der Mittel- und Oberstufe
  • Konzentrations-, Planungs-, Organisations- und Durchhalteprobleme zeigen sich erst bei höheren Anforderungen⁵


3. Unterschiede zwischen ADHS bei Mädchen und Jungen

Mädchen zeigen einen ander Symptompräsentation als Jungen und wie oben genannt, können sie ihre Symptome meistens auch länger kompensieren, sie werden deshalb auch weniger häufig aufgrund ihrer ADHS-Symptome überwiesen, sondern primär wegen psychosozialen Begleiterscheinungen.

Symptompräsentationen bei Mädchen versus Jungen mit ADHS 

  • bei Mädchen tritt häufiger der unaufmerksamer Typus auf
  • Im frühen Kindesalter zeigen sie häufig sogar mehr Symptome als Jungen, abnehmend im Altersverlauf
  • Verbale (Mädchen) versus psychische (Jungen) Überaktivität 
  • Funktionsbeeinträchtigungen sind bei Jungs und Mädchen gleich stark ausgeprägt
  • Mädchen verfügen über mehr Kompensationsstrategien (vor allem aufmerksamer Subtypus) als Jungs
  • Mädchen verfügen oftmals über mehr Selbstkontrolle und können sich dadurch besser an die Erwartungen anpassen
  • Mädchen haben mehr interpersonelle Schwierigkeiten 
  • Mädchen haben häufiger Lernstörungen/niedrige Intelligenz. 
  • Mädchen haben häufig mehr Perfektionismus Streben
  • Mädchen zeigen mehr Angststörungen und Funktionseinschränkungen bezüglich der psychischen Gesundheit 
  • ähnliches Risikoverhalten
  • weniger Alkohol- und Drogenmissbrauch


4. Warum ADHS bei Mädchen lange übersehen wurde

Die Diagnosekriterien für ADHS wurden ursprünglich vor allem anhand von Jungen entwickelt, da diese vermehrt den störenden, auffälligen Typus zeigen. Zudem wurde, wie in vielen Bereichen in der Medizin, auch im Bereich ADHS die Forschung auf Männer beziehungsweise Jungs ausgerichtet. 

Bereits 1991 äußerten die Psychologen den Verdacht, dass die Störung bei Mädchen möglicherweise übersehen wird, und empfahlen, passendere Tests zu entwickeln, die auch die Symptomäußerung bei Mädchen mit einbeziehen, was bis heute nicht geschehen ist. 

Eine deutsche Studie mit 13000 Jugendlichen zeigt, dass 6,5 Prozent der Jungen und 2,3 Prozent der Mädchen im Alter von 3 bis 17 Jahren ADHS haben. Andere internationale Studien weisen nur auf ein durchschnittliches Verhältnis von 4:1 hin. 

Dennoch – viele Expert:innen bezweifeln, das Entwicklungsstörung bei Mädchen wirklich so viel seltener ist und gehen sogar von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis aus: Mädchen werden nur nicht so schnell und oft erkannt.⁶


5. Warum heute immer mehr Mädchen diagnostiziert werden

Auch wenn die Geschlechtsunterschiede in der Forschung und Medizin noch nicht offiziell differenziert werden, so herrscht nun ein gesteigertes Wissen darüber, dass die Ausprägung von ADHS Symptomen bei Mädchen oft anders ist. Auch haben viele Eltern und Lehrer mittlerweile eine größere Sensibilität für dieses Thema entwickelt.

Auch wenn die Forschung hierzu noch uneinheitlich ist, so gibt es immer bessere diagnostische Kriterien und detailreiche Informationen zu den spezifischen Symptomen in Social Media (gute und schlechte), die zu einer vermehrten Wachsamkeit beitragen. Das immer mehr Mädchen und Frauen mit ADHS diagnostiziert werden liegt also nicht daran, das tatsächlich mehr Frauen betroffen sind, sondern eher daran, dass sie Ihre Symptome nicht mehr verstecken können.⁷

Wie Kinder und Eltern einen entspannten und stärkenden Umgang mit ADHS entwickeln können – insbesondere auch im Zusammenspiel mit Hochbegabung – beschreibe ich ausführlicher in meinem Buch BESONDERS. Wie Eltern und Kinder einen entspannten und stärkenden Umgang mit ADHS und Hochbegabung finden. Neurodivergenz verstehen und stärken.

Das wachsende Bewusstsein für ADHS bei Mädchen sorgt dafür, dass ihre oft leisen Symptome heute besser erkannt werden – und damit auch die Chance auf frühzeitige Unterstützung steigt.

Wie sich ADHS im Jugendalter entwickeln kann, welche Stärken Mädchen mit ADHS haben und welche Unterstützung im Alltag helfen kann, beleuchte ich in einem zweiten Artikel.


Weiterführende Informationen und Quellen:

¹ Neurologen und Psychiater im Netz
https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugendpsychiatrie-psychosomatik-und-psychotherapie/stoerungen-erkrankungen/aufmerksamkeitsdefizit-hyperaktivitaets-stoerung-adhs/ursachen/

² Häberling-Nef, U. (2015), S. 24

³ Schmidtpott, Hannah (2023), S. 16 ff.

⁴ Spektrum der Wissenschaft:
https://www.spektrum.de/news/adhs-uebersehene-maedchen/2189250

⁵ Klinikum Uni Heidelberg:
https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/klinikschule/Dateien/2025/ADHS_Maedchen.pdf
https://adhs-deutschland.de/sites/default/files/2023-11/ADHS-neue_AKZENTE_Nr.125_02_2023_Leseprobe_U%CC%88bersehene-Ma%CC%88dchen.pdf

⁶ ADHS Deutschland
https://adhs-deutschland.de/sites/default/files/2023-11/ADHS-neue_AKZENTE_Nr.125_02_2023_Leseprobe_U%CC%88bersehene-Ma%CC%88dchen.pdf

⁷Tagesschau:
https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/adhs-erwachsene-diagnosen-100.html

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