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Die Performance des Lebens

Ob wir wollen oder nicht, wir alle inszenieren unser Leben – bewusst oder unbewusst. Das Internet und vor allem die sozialen Medien bieten uns eine wunderbare Spielwiese dazu. Eine Spielwiese, die es uns leichter macht denn je uns von uns selbst zu entfernen, oftmals ohne das wir es überhaupt bemerken. Letztendlich ist unser aller Leben lediglich eine Performance. Wir schlüpfen in eine Rolle und spielen sie so perfekt, bis wir sie nicht mehr von unserem Selbst trennen können. Wir alle werden zu Künstlern beziehungsweise Darstellern unseres Lebens oder wie der Soziologe Erving Goffman sagt: Wir alle spielen Theater.

Dieses Phänomen ist nicht erst in der heutigen Zeit entstanden. Bereits in der Dekadenz wurde die Welt des schönen Scheins zur eigentlichen Wirklichkeit gekürt. Oscar Wilde ging sogar soweit, dass der behauptete, jeder Mensch sei ein Künstler und der Künstler sei eine leere Form, die erst mit Inhalt gefüllt werden müsse. Gute hundert Jahre später scheint dieses Bild lange nicht überholt sondern präsenter denn je.

Warum tun wir das? Und was würde passieren, wenn die Maske fällt? Let’s get naked!

Das versteckte Rollenspiel ist im Grunde eine Notwehr. Unsere eigens aufgebaute Festung dient dem Schutz unserer Gefühle – unseres wahren Selbst. Wenn die Maske fiele, würden wir schlagartig auf uns selbst zurückgeworfen, auf unsere Gefühle, auf unser Denken, auf unsere eigene Wahrnehmung, auf unser wahres sein. Ohne Ego. Wir würden empfindsam, verletzlich, verwundbar, angreifbar, vor allem aber individuell und wir selbst. Wir wären UNGEWÖHNLICH. Es kostet Mut und Bereitschaft sich dem zu stellen und genau hinzuschauen. 

Seit vielen Jahren beschäftigt mich dies Thema – bewusst und unbewusst. Immer wieder neu. Immer wieder aus einer anderen theoretischen Perspektive oder mit einer anderen Brille auf. Alle Inszenierungsstrategien eint, dass sie im Grunde auf unserer Unsicherheit basieren. Die Unsicherheit darüber, wer wir tief im Kern selbst sind, was uns ausmacht, wie wir sein wollen – und was dieses Selbst eigentlich ist. Vor einigen Jahren wollte ich nicht mehr suchen, ich wollte ankommen. Um dieses Ankommen zu initiieren habe ich mich bewusst abgewendet von der Inszenierung – wie ich dachte. Ich habe meine Erfüllung im Yoga gefunden. Inszenierungsstrategien haben mich regelrecht abgeschreckt. Bis mir vor kurzem bewusst wurde, dass ich mich selbst getäuscht habe.

Ist die Nicht-Inszenierung nicht zugleich auch eine Inszenierung?

Auch hier tappt das Ego gerne in eine Falle. Oftmals verstecken uns dahinter, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, gegenüber uns selbst und der Umwelt. Nach außen hin machen wir Yoga, meditieren, beschäftigen uns mit Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität und setzen ein Zeichen das besagt, wir arbeiten an uns. Wir arbeiten mit und an unserem Körper und Geist! Wir sind bewusst. Wir sind reflektiert – im Außen, nach außen. Aber was geschieht wirklich im Inneren auf der unbewussten Ebene? Entspricht dies der Wahrheit oder lediglich dem äußeren Schein?

Sind wir ehrlich mit uns selbst oder täuschen wir uns durch vermeintliche Bewußtheit, die in der Tiefe dann doch noch keine ist, eine Art Alibi für unser Ego?

Die Motive für die Inszenierung sind tief in unserem Unterbewusstsein verankert. Sie sind mächtig und basieren vor allem auf der eigenen Angst davor, uns damit auseinander zu setzen, wer wir im Grunde sind. Vor allem aber, dies dann auch zu leben, mit alle den Herausforderungen, die sich dabei auftun. Das Ego findet hier gerne wieder einen Fluchtweg abzudriften, uns doch wieder zu inszenieren und uns so vor uns selbst zu verstecken, hinter besagter Rolle und der Schutzmauer. So müssen wir nicht fühlen, sondern können einfach sein und funktionieren. So brauchen uns nicht mit dem auseinander zu setzen, was unser tiefes Bedürfnis ist, das vielleicht nicht zu den Normvorstellungen passt und deshalb unbequem ist. So brauchen wir uns nicht der Angst zu stellen zu versagen, beziehungsweise Erwartungen der anderen nicht erfüllen zu können. 

Stattdessen verharren wir in einer Dauerperformance. Einer Performance, die uns oftmals viel Energie kostet, denn wir kämpfen dauerhaft gegen uns an. Wir unterdrücken das, was im Verborgenen in uns steckt und sich zeigen möchte. Mit jedem Tag in unserer Rolle werden wir uns selbst fremder. Wir verlieren uns immer mehr in dieser Rolle – in dem hedonistischem Streben und dem Drang nach perfektionierten Individualismus. Unser falsches und wahres Selbst können wir häufig selbst nicht mehr voneinander unterscheiden. Ironischerweise wird so der Einfluss unserer Umwelt auf unsere Leben mit jedem Tag mächtiger, der Kontakt zu unserem inneren Bauchgefühl, unsere Intuition, immer kleiner. Unser Leben verliert den Fluss, es stagniert in einer Art Hamsterrad. Statt von einer Sicherheit aus unsere Intuition heraus geführt zu werden, werden wir immer unsicherer, denn die innere Sicherheit fehlt, weil wir nicht nach unseren Bedürfnissen handeln. In der Konsequenz überdecken wir unsere Emotionen mit einer übersteigerten Selbstdarstellung, die uns selbst immer weniger erfüllt.

Warum traut sich Niemand das zu sein, was er wirklich ist? Try to be yourself!

Obwohl die heutige Gesellschaft Individualismus propagiert, gibt es für tatsächliche Individualität dann letztendlich doch wenig Raum. Von klein auf werden wir darauf getrimmt uns anzupassen an die vermeintlichen Normen der Gesellschaft, erfolgs- und materialistisch zu denken, unsere Stärken in den Vordergrund zu holen und Schwäche zu unterdrücken. Wer wirklich individuell ist und nicht lediglich dem aktuellen Trend individuellen Verhaltens folgt, der fällt noch immer auf. Und der Mensch bleibt ein Herdentier. Er strebt danach dazu zu gehören – zu einer Gruppe, Gesellschaftsform oder Subkultur. Diese vermeintlichen Konstrukte scheinen uns Halt zu geben. Einen Halt, der jedoch auch nur im Außen existiert und uns langfristig generell keine tiefe Erfüllung bringt. Dies gilt es aber erstmal zu erkennen.

Wenn wir nun aufhörten uns zu inszenieren, wären wir WIRKLICH  gezwungen nach innen zu schauen und uns mit unserem wahren Kern auseinander zu setzten. Wir müssten dazu zu dem stehen, was wir denken, fühlen – uns ausmacht. Dazu gehört auch, den Mut zu finden, die Unsicherheit und unangenehme Gefühle willkommen zu heißen. Sich der Angst zu stellen, vielleicht anders zu sein, anders zu denken und dadurch nicht dazu zu gehören. Es gehörte dazu uns zu gestatten, auch mal schwach zu sein und so paradoxerweise herauszufinden, was wirkliche Stärke ist. Diese Angst scheint so tief verankert, so fundamental über uns zu bestimmen, dass die meisten von uns dafür bereit alles im Leben aufzugeben, SICH selbst aufzugeben.

Bleiben wir nun in der Dauerschleife der Inszenierung gefangen – ein Ankommen bei uns selbst nicht in Sicht? Never ending story..?

Es scheint als bräuchten wir einen Point of no Return. Einen Punkt des Aufwachens beziehungsweise Erwachens, an dem wir uns auf die Suche begeben und erkennen, dass wir so nur verlieren können. Den Moment, an dem wir erkennen, dass unser Leben so langfristig an Qualität und Tiefe verliert, denn die Inszenierung bleibt eine oberflächliche Hülle die nur kurzweilig gefüllt wird. Oder wie Oscar Wilde es skizziert, einen Punkt an dem wir uns in unserer Rolle verloren haben und nicht mehr wissen, wer wir sind. Wenn wir uns auf die Suche begeben, wird es unausweichlich unsere inszenierte Identität abzulegen. An diesem Punkt erkennen wir, dass die Herausforderung im Leben darin besteht, wie eine Zwiebel Schicht für Schicht die Rolle, die wir unser ganzes Leben Lang perfekt einstudiert und gespielt haben, abzustreifen und an unseren wahren Kern zu kommen. 

Was am Ende bleibt ist Authentizität. Unser wahres Selbst. Spirituell ausgedrückt der Ausdruck unserer Seele. Authentizität macht verletzlich. Wir lösen uns von unserem Ego und zeigen wer und was wir sind – unabhängig, ob wir damit gefallen, anecken oder Zustimmung finden. Das kostet Mut, das kostet Kraft, das kostet Ausdauer und das kostet Geduld – Geduld mit uns selbst. Das bedeutet reflektiert zu sein, denn Widerstände als Ausdruck des Egos werden sich immer wieder dazwischen schieben. Vor allem müssen wir uns dazu fühlen können und das ist oftmals ein langer und schwerer Weg, denn viele von uns haben das Fühlen vor langer Zeit verlernt oder nicht mehr den Mut sich den Gefühlen zu stellen und sie auszuhalten.

Why should we do that? Authentizität bedeutet Freiheit und Frieden – frei zu sein, wer wir sind, Frieden im innern. Freiheit und Frieden entstehen durch Wahrheit.

Authentische Menschen fallen auf, sie erzeugen keinen Stress bei ihren Mitmenschen, denn ihre Körpersprache und ihr Handeln passen zueinander. Sie sind glaubwürdig, echt und ehrlich. Vielleicht sind sie nicht jedem sympathisch dafür sind sie aber sie selbst. Sie müssen sich nicht verstellen, sondern leben offen das aus, was ihr intrinsisches Bedürfnis ist. Sie ruhen in sich selbst, sind entspannter, erfüllter und friedvoller. Sie unterdrücken Ihre Gefühle nicht sondern lassen sie zu, sie leben ihrer Werte, Vorlieben, Überzeugungen und Bedürfnisse voll aus. 

Authentizität würde unser Leben enorm bereichern. Wir wüssten, wo es lang geht und irrten nicht weiter ziellos umher. Wir fühlten, was uns gut tut und wären in unserer eigenen Kraft. Wir hätten eine Anbindung an unsere Intuition, an unseren Lebensplan und könnten uns die zahlreichen Coachings sparen. Wir zögen die Menschen und Situationen in unser Leben, die zu uns passen, mit denen wir uns verbinden und weiterentwickeln können. Wir erlangten eine tiefe innere Sicherheit, da die Entscheidungen tief aus uns heraus kämmen und damit für uns richtig wären. Es braucht ein neues neues Leitmotiv: Dazu zu stehen, wer und was wir sind! 

Dies ist nicht immer leicht. Das Ego ist stark und die Rolle gut erprobt. Es bleibt eine Suche des Lebens. Stück für Stück kommen wir unserem authentischen ich einem Stück näher. Wie schon Goffman sagt – Wir alle spielen Theater. Es ist an der Zeit, dass der Vorhang fällt und das Licht angeht!

Literatur-Inspiration:

  • Siri Hustvedt
  • Oscar Wilde (u.a. The Picture of Dorian Gray)
  • Erika Fischer-Lichte
  • Judith Butler
  • Simone de Beauvoir
  • Michel Foucault 
  • Michael A. Singer (Die Seele will frei sein: Eine Reise zu sich selbst)
  • Kurt Tepperwein 
  • John Strelecky (Das Café am Rande der Welt)
  • Erving Goffman (Wir alle spielen Theater. Selbstdarstellung im Alltag)
  • Veit Lindau

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