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Nondualität: Die Kraft des Dazwischen oder die Magie reiner Liebe

Suche, Verbundenheit, Einheit, Verschmelzung, Liebe – am Ende geht es immer um die Liebe. Um die Liebe zu uns, um die Liebe zu einem anderen Menschen, um die Liebe zum Leben. Um die Liebe zur Liebe. Um die Suche nach dem Vollkommenen, nach der Einheit vor allem aber um das Ankommen. Das Ankommen in der Liebe. Das Ankommen in uns.

Die Welt besteht aus Dualitäten. Wir brauchen diese Gegensätze, um uns spüren zu können, um die Dinge schätzen zu wissen. Wir brauchen sie, um nach der Nacht den Tag wahrzunehmen, um nach der Kälte die Wärme zu genießen oder uns nach der Trauer an der Freude zu erfreuen. Wir brauchen sie auf körperlicher Ebene, um den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung zu erfahren, um in eine Balance, ein optimales Mittel, unseren Blueprint, zu kommen. Wir brauchen diese Dualitäten aber vor allem, um immer wieder zu spüren, dass unserer innigster, tiefster Wunsch die Aufhebung dieser ist. 

In der nondualen Philosophie des Anusara Yoga (Advaita Vedanta) besinnen wir uns, im Gegensatz zum klassischen dualen Weltbild darauf, wie wunderbar das Dazwischen ist. Wir richten den Blick auf das Verbindende, das Verschmelzen beider Seiten beziehungsweise die Auflösung der Polarität. Deshalb wird sie auch die Philosophie der Einheit genannt, denn es geht vor allem um das Erkennen der Einheit und nicht darum, die beiden Pole in Konkurrenz zueinander zu stellen und zu definieren, was schöner, besser, effizienter, wichtiger, männlicher, weiblicher und so weiter ist.

Androgynie als ideale Verkörperung der nondualen Philosophie – des Dazwischen!

Die ideale Verbildlichung dieser Aufhebung stellt der Mythos des Androgynen Wesens dar. Einen Mythos, der bereits bei Platon erzählt wurde und in welcher der androgyne Kugelmensch die Vereinigung sowie die Vervollkommnung durch den männlichen und weiblichen Pol in einer Person oder einem Körper verkörpert. Auch Platon schrieb der Auflösung der Dualität eine außerordentliche Kraft zu. So stellten dem Mythos nach diese Wesen sich den Göttern entgegen, da sie sich Ihrer Kraft bewußt waren. Um sie zu schwächen wurden sie in zwei geteilt (die Dualität entstand). Und so begann unsere Suche nach der anderen Hälfte, weil wir uns ohne diese unvollständig fühlen. Die Suche, um durch die Vereinigung wieder in die Kraft der Nondualität, der Vollkommenheit beziehungsweise unserer ursprünglichen Ganzheit zurück zu gelangen. In den vollständigen menschlichen Zustand, in dem sich die komplementären Aspekte in idealer Weise gegenseitig ausgleichen. In den Zustand des absoluten Friedens, der reinen Liebe.

Romantisch verklärt, verpönt und ironisch abgetan – und dennoch das Konzept der Androgynität findet seit jahrtausenden Faszination und ist ein begehrtes Motiv in der Philosophie, Literatur, Kunst und Kultur aber auch in der Religion oder Kulturwissenschaften. Kaum ein anderes Konzept ist in nahezu allen Religionen vertreten. Im Yoga wird es in der Gottheit Ardhanari dargestellt: Hier sind das göttliche Prinzip Shiva (höchstes, unendliches Bewusstsein), dass sich durch Shakti (Kraft des Bewusstseins oder Energie) in die Welt ausdrückt, untrennbar miteinander verbunden.

Jeder, der dieses Gefühl des Verschmelzens, den Moment der Vollkommenheit schon mal erfahren hat, weiß von der Magie dieses göttlichen Zustandes und welche unendlich starke Kraft sie auslösen kann. Tiefer Frieden im innern, im Herzen. Nichts als reine, pure Liebe. Inneres Licht.

Was in der romantisierten Darstellung oftmals nicht so viel Betrachtung findet, ist jedoch die spirituelle Aufgabe dahinter. Geht es nicht vordergründig lediglich darum, den anderen Teil zu finden sondern darum, spirituell in der Lage zu sein, ihn auch sehen zu können, ihn zu erkennen – und durch ihn uns zu erkennen. Um in diesem Zustand der Vollkommenheit zu gelangen und vor allem dort auch zu verweilen, müssen wir zunächst in uns vollkommen sein. 

Der Dandy als ideale Verkörperung des androgynen Mythos?

Lange bevor ich mit der Nondualen-Philosophie vertraut wurde, hat mich das Thema Androgynität fasziniert. In der Kunst und Literatur wird dieses Konzept der Androgynität, des Auflösens der Polarität in einer Person, vermehrt wieder in der Moderne, vor allem aber in der Dekadenz (Fin de Siècle) verwendet. Das Androgyne wurde hier insbesondere durch die Figur des Dandys symbolisiert. Das Phänomen des Dandys verkörpert das androgyne Ideal und nutzte diese Kraft zum einen als Widerstandsfunktion gegen vorherrschende Gesellschaftsnormen, Protest gegen vorherrschende Konventionen und zum anderen, um die klassischen Geschlechterrollen aufzuheben. Jedoch bewegt sich der Dandy weg von der romantisch verklärten Liebesvorstellung eher hin zu einem politischen Statement, um gesellschaftliche Normen aufzubrechen.

Ende des 20. Jahrhunderts fand die Inszenierung als androgynes Wesen ein erneutes Aufleben. Dieses Mal als eine Erscheinung, die sich vor allem in der Mode widerspiegelt und primär dem Protest und Provokation durch die Verwischung der konventionellen Geschlechts- und Rollenkategorien diente. Besonders diverse Künstler der Popkultur (u.a. David Bowie, Prince, Madonna, Andy Warhol) dienen als Beispiele für die Verkörperung einer idealisierten Androgyne-Version, die scheinbar in sich vollkommen ist als ein ganzheitliches Wesen, das männliche und weibliche Merkmale äußerlich harmonisch in sich vereint. 

Was zunächst nach einem Ideal erscheint ist im zweiten Blick noch nicht vollendet. Denn der Dandy schafft es nicht, seine tiefsten Sehnsüchte nach Ganzheit wirklich zu verwirklichen. Was dem Dandy fehlt, ist die innerer Vollkommenheit. Verkörpert er doch nach außen eine ästhetische Selbstvervollkommnung, so ist er doch innerlich zumeist zerfressen und von tiefen Selbstzweifeln geplagt, die er durch seine Inszenierung versucht zu vertuschen und in hedonistischen Genüssen zu befriedigen versucht.

Der spirituelle Sinn des androgynen Mythos: Die Transformation im inneren zur absoluten Selbstliebe!

Bei der Suche nach der Vervollkommnung geht es nicht um die Verkörperung im Außen oder um eine Vereinigung beide Hälften auf der physischen Ebene. Diese ist nur das Ergebnis einer inneren Arbeit, die zuvor auf der psychischen und vor allem die spirituellen Ebene ausgeführt wurde – das Finden des göttlichen Funken in uns. Jeder Mensch besteht aus männlichen und weiblichen Anteilen, die zunächst im inneren in Einklang gebracht werden sollten, um in den vollkommenen Frieden zu gelangen. Dies muss aber nicht im äußeren sichtbar sein, wie es der Dandys zur Schau stellt, sondern ist ein Prozess im inneren. Vielmehr geht es hierbei um die Vereinigung auf höchster Ebene unseres Bewußtseins (Shiva-Shakti), um wieder in unseren Nondualen Urzustand zu kommen. Dazu müssen wir zuerst unser Selbst auf eine höhere Ebene gebracht haben. 

Wir finden außerhalb von uns nur das, was wir bereits innerlich verwirklicht haben.

Die Philosophie des androgynen Menschen ist somit die höchste Philosophie, die es gibt – man könnte sie auch Lebensaufgabe nennen. Sie skizziert einen inneren Transformationsprozess an deren Ende der Mensch fähig ist, sich mit dem ihm ergänzenden Menschen oder auch der anderen Hälfte zu vereinigen und in der eigenen Göttlichkeit, wahrhaftigen Liebe anzukommen, vor allem aber sein höchstes Selbst zu leben.

Die Hürden des Egos überwinden. Wie kann das gelingen?

Was romantisch klingt, erfordert vorab einiges an innerer Arbeit. Haben wir einmal für einen Moment das Gefühl der Einheit, dieser reinen Liebe erfahren, ist das Feuer entflammt, diesen Frieden im Herzen für immer zu erhalten. Das Herz ist geöffnet und somit der Kontakt zur Liebe selbst. Diese tief berührende Erfahrung entfacht in uns den Wunsch dieses innere Licht am strahlen zu halten. Sie motiviert uns den Weg zu gehen, unsere Wunden zu heilen, mit all seinen Herausforderungen, die aufkommen mögen, immer wissend, welche unbeschreibliche Magie am Ende wartet. Von nun an verändert sich etwas – eine Transformation in das bewusste Wahrnehmen des Lebens aus dem Herzen heraus, findet statt. Wir sehen die Welt nun mit anderen Augen und dieses Gefühl in allen Dingen.

In dem Moment des Erkennens, der Einheit kommen jedoch oftmals tiefe Blockaden und Ängste in uns hoch, da wir in unserem dualen Erleben der Welt nicht mehr gewöhnt sind, diese wahrhaftige Liebe, den inneren Frieden auszuhalten. Hier heißt es nicht mehr wegrennen und alles fühlen, vor allem auch den Schmerz fühlen, um heilen zu können. Aber auch wenn wir die Erfahrung des Erkennens noch nicht gemacht haben, können wir die innere Arbeit machen und so zu unserem authentischen Selbst kommen.

Diese Erfahrung kann als ein Geschenk gesehen werden. Von nun an heißt es genau hinzuschauen. Ziel ist es davon wegzukommen, die andere Hälfte zu brauchen, damit sie uns ergänzt, indem wir uns durch unsere Selbstliebe selbst vervollständigen und uns alles selbst geben, was wir im äußeren suchen. Authentizität ist ein zentraler Schlüssel, der uns zur reinen Liebe führt. Denn wir müssen zunächst unser wahres Wesen verkörpern um uns mit unserer anderen Hälfte vereinen zu können. Um authentisch zu leben heißt es, alles loslassen, was nicht zu unserem wahren Selbst und unserer Bestimmung gehört.

Unser Umfeld dient hierbei als perfekter Spiegel, um die innere Polarität aufzulösen. Es zeigt uns, welchen Mangel wir noch in uns tragen, wo unsere Polaritäten noch nicht vereint sind. Stört uns an einer Person etwas, ist dies ein Zeichen, dass wir genau diesen Anteil in uns unterdrücken. Die innere Arbeit besteht nun darin, genau hinzuschauen, nicht weiter zu unterdrücken sondern diesen Anteil in uns zu integrieren. Und auch das Gegenteil, wenn wir eine Person ganz besonders für etwas lieben oder bewundern ist dies ein Zeichen, dass wir diesen Anteil in uns nicht ausleben und ihn stattdessen im Außen suchen. Wir machen uns damit abhängig vom äußeren Umfeld, von der anderen Person. Jeden Mangel, den wir wegen einer anderen Person spüren, können wir uns selbst geben. Wenn wir uns zum Beispiel mehr Anerkennung von einer Person wünschen ist dies ein Zeichen, das wir uns selbst noch nicht genug Anerkennung schenken. Je mehr wir diese inneren Anteile oder Palaritäten in uns selbst gefunden und vereint haben, desto weniger suchen oder brauchen wir sie im äußeren. Desto vollkommener und authentischer sind wir! Desto mehr sind wir in Frieden mit uns. 

Dazwischen. Reine Liebe – der Tod des Egos.

Der Weg ist nicht immer leicht. Das Ego wird schreien. Es wird kämpfen, es wird immer wieder nach alten Mustern greifen wollen. Hier heißt es nicht mehr verdrängen, nicht mehr weglaufen. Sich mutig den Ängsten und Blockaden stellen, all dem was uns davon abhält unser wahres Selbst zu leben und unsere männliche (Yang) und weibliche (Yin) Seite in Einklang zu bringen. Die Meditation und auch Yoga können hier unterstützend helfen.

Der Mythos symbolisiert unseren tiefsten Wunsch und das, worum es letztendlich im Leben geht:

Dem Ankommen in der Liebe. Und dies kann geschehen, wenn wir in der Lage sind, immer häufiger die Dualität zu überwinden, die Kontrolle loslassen, uns dem Leben zu öffnen und aus dem Herzen heraus zu leben – in allen Bereichen unseres Lebens heilen, wo wir noch nicht in Liebe, authentisch, frei, echt und vollkommen sind. Dann kann die wahre Vereinigung mit dem göttlichen Anteil in uns geschehen.

In der Nondualen Welt haben Neid, egoistisches Handeln, Manipulation und so weiter keinen Platz – wenn wir immer mehr die Polaritäten in unserem Leben auflösen, können wir in das Dazwischen hinein sinken. Dann können wir zur Ruhe kommen, in den Frieden. Was dann am Ende bleibt ist Liebe, reine, wahrhaftige, vollkommene Liebe. Tiefe Verbundenheit. Licht. Frieden im inneren. 

Die Öffnung zu unserem Höchsten – Ananda.

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